Iss mehr Sprossen!

Hättest du es gewusst?
Das stärkste Säugetier der Erde ist der Gorilla. Dieser hat eine Verdauungsanatomie, die mit dem des Menschen praktisch identisch ist.
Gorillas essen vor allem junge Pflanzen, viele verschiedene. Entgegen der üblichen Annahme essen sie gar nicht viel Obst.

Iss mehr Sprossen! (7)

Zwei für uns zunächst überraschende Informationen, die unsere Lust auf frisches — richtig frisches! — Grün verstärkte.

Doch woher bekommen wir täglich junge Pflanzen in großen Mengen?

Nachahmenswertes Beispiel

Kohlrabisprossen

Sicher gehen wir Wildkräuterpflücken, sooft nur möglich (die Brennnessel allein enthält beispielsweise ALLE Stoffe, die wir über die Nahrung jemals zuführen müssen).

Leider kostet das gezielte Sammeln junger Kräuter viel Zeit, die der Gorilla vielleicht hat, wir jedoch nicht. Außerdem gibt es bei uns auch nicht ganzjährig die Frischefülle wie in seiner Heimat; wir Nordlichter müssten in der Zeit des Grünmangels eigentlich einen Winterschlaf halten.

Blätter von Feldsalat, Rucola, Spinat und noch zwei oder drei andere Grünsorten können wir zwar im Bioladen kaufen, die benötigten Mengen wären für uns sechs aber schlicht unbezahlbar, und „frisch“ ist in Anbetracht einer mehrtägigen Lagerung ohnehin sehr relativ.

Natürlicherweise essen alle Säugetiere ihre Pflanzennahrung an der Stelle, an der sie wächst. Da wir und vor allem die Kinder doch teilweise noch zu dieser Gesellschaft gehören, haben wir uns gegen eine dreimonatige Aktivitätspause jedes Jahr entschieden — und eine häusliche Sprossenzucht in großem Stil aufgebaut.

Die Karottensprossen haben die Karotten von unserem Speiseplan verdrängt

Warum Sprossen?

Anmerkung: Mit „Sprosse“ bezeichne ich dem Wortsinn nach nur den oberen Teil des Pflänzchens, ohne die Wurzel und den Samen. Zwar lesen wir oft „Sprosse“ auch für einen Samen, aus dem ein Trieb herauswächst, hierbei handelt es sich eigentlich jedoch um einen „Keimling“, was wegen der negativen sprachlichen Besetzung des Wortes „Keim“ gerne vermieden wird. Keimlinge sind ebenfalls ein wichtiger Bestandteil unserer Ernährung, wesentlich wertvoller als die ungekeimten Samen, jedoch kein Vergleich zum Sprossengrün.

Jung und zart

Die Sprosse ist die jüngste Pflanze, die es gibt. Jeder weiß, dass ein Pflanzenteil umso zarter ist, je jünger er ist. Zart bedeutet wiederum, dass sie viel Pflanzensaft enthält im Verhältnis zum für uns unverdaulichen Zellstoff. Kein Wunder also, dass uns, wie dem Gorilla, die jüngsten Pflanzen am besten schmecken.

Vitalstoffwunder

Eine Sprosse enthält jeweils deutlich höhere Konzentrationen an allen charakteristischen Vitalstoffen im Vergleich zum adulten Gemüse. Beispielsweise übertrifft die Brokkolisprosse das Brokkoligemüse im Gehalt am Antikrebswirkstoff Sulforapam um das Fünfzigfache.

Sprossen von Rucola, Brokkoli und Kohlrabi

Enzyme

Die Sprossenzeit ist die Phase, in der die Pflanze gerade erst beginnt, Photosynthese zu betreiben. Alle Stoffe (mit Ausnahme von Wasser und Sauerstoff) und alle Energie, die sie für ihr erstes Wachstum benötigt, erhält sie aus dem Samen. In diesem sind die Nährstoffe in Makromolekülen gespeichert, die vor dem Einbau in die Pflanze zerlegt werden müssen. Nie wieder sind im Leben einer Pflanze so viele Enzyme aktiv!

Bekömmlich und leicht verdaulich

Im Pflanzensaft einer Sprosse sind besonders viele Makronährstoffe (Fett, Protein, Kohlenhydrate) in ihrer zerlegten „Transportform“ unterwegs, denn es werden ja aktuell die Speicher des Samens geleert, um oben Pflanzenmaterial aufzubauen. Die Transportform der Makromoleküle sind freie Fettsäuren, freie Aminosäuren oder kurze Peptidketten und Disaccharide — vor allem der beste aller Zucker und wichtigster Kalorienlieferant aller Weidetiere: die Maltose.

Das bedeutet, dass unser Körper für die Verdauung kaum noch eigene Enzymarbeit leisten muss: Wir können uns durch Sprossen wesentlich leichter rein pflanzlich mit Baustoffen und Energie versorgen als durch Gemüse. Dankenswerterweise wird diese Theorie durch unsere praktische Erfahrung bestätigt: Seitdem wir Sprossen als Grundnahrungsmittel etabliert haben, brauchen wir deutlich weniger Schlaf — Zeit wird frei, die früher für Verdauung benötigt wurde.

Lebendigkeit ist Frische

Sofort nach der Ernte beginnt in jedem Pflanzenteil der Zerfall. Auch gut gekühlt verliert Gemüse und Blattgrün jeden Tag eine zweistellige Prozentzahl seiner wertvollsten Bestandteile. Selbst wenn wir uns ganz sicher sein können, dass weder Erzeuger noch Händler unlautere Tricks angewendet haben, um das Gemüse frischer aussehen zu lassen: Nach Tagen oder gar Wochen der Lagerung ist keine Pflanze mehr richtig frisch. Sprossen dagegen wachsen noch bis zu dem Moment, in dem wir sie zerkauen!

Abwechslung auf dem Speiseteller

Körper und Geist

Liegt es nun rein an den Inhaltstoffen oder gibt es noch einen anderen Grund, aus dem so viele Menschen vom gefühlten „Frischekick“ aus gerade gepflücktem oder geerntetem Grün berichten? Esoterik liegt mir fern. Und dennoch kommt es mir vor, als ob diese überbordende Lebenskraft der explosionsartig wachsenden Pflänzchen, dieses tausendfache Streben nach dem Licht, noch auf eine subtilere Art auf mich überginge.

Die Manifestation der Pflanze in ihrer aufrechten, lebendigen Form aus dem stillen Potential des Samens ist transformativ, ja transzendental. Sprossen sind Bewusstseinsnahrung!

 

Ein Wagen voller Sprossen und Lebendigkeit

Unabhängigkeit

Saatgut ist erschwinglich und lagerfähig. Mit eigenem Anbau sind wir unabhängig von Lagerpraktiken und Preisgestaltung des Handels: Wir entscheiden selbst, was wir wann frisch verfügbar haben wollen. Mit Indoor-Sprossenzucht sind wir sogar weitgehend unabhängig von Wetter und Jahreszeit.

DEIN Essen

Auch ohne Garten kannst du durch die Sprossenzucht von einem wesentlichen Aspekt des Eigenanbaus profitieren: Du hast deine Hände in der Erde, pflegst deine Pflanzen täglich, schaust ihnen beim Wachsen zu,… anders als beim Aufreißen einer anonymen Verpackung entsteht so ein unmittelbarer Kontakt zu deiner Nahrung, ein lebendiger Bezug. Eigenanbau kann deine innere Haltung deinem Essen gegenüber und damit auch deine Art, zu essen, positiv beeinflussen!

Knoblauchsprossen

Vielfalt

Dein Garten wie dein Bioladen bieten dir eine saisonale Auswahl an (hoffentlich) frischen Produkten an, abhängig von deinen Entscheidungen zur Zeit der Aussaat bzw. von wirtschaftlichen Gegebenheiten. Erinnern wir uns, dass eine Sprosse ein Vielfaches mehr an besten Stoffen (auch typischen Geschmacksstoffen) als die erwachsene Pflanze enthält, verschwindet der Bedarf an erwachsenem Gemüse aus Garten, Keller oder Geschäft völlig, und du kannst spontan, innerhalb weniger Tage, die Verfügbarkeit deines Wunschgemüses deinen Bedürfnissen anpassen–und aus einer Fülle an 50 oder mehr leckeren Sorten wählen!

So überzeugt…

Die Hippocrates-Ernährung ist die erste Rezeptsammlung zu diesem Königsweg der veganen Rohkost in deutscher Sprache und die umfangreichste überhaupt.

…sind wir von der Indoor-Sprossenzucht, dass wir aus unserem eigenen fruchtbaren Garten nur Wildkräuter und die Beeren unserer kaum gepflegten Stauden verzehren und gar nichts anbauen. Dabei kaufen wir trotz roh-veganer Ernährung kaum Gemüse ein, sondern ziehen einfach nur unsere Sprossen, in der Wohnung und im Sommer auf dem Nordbalkon.

Iss mehr Sprossen!

Autoreninfo: Benedikt Stamm ist mit Julia und den Vieren die Die RoHmantische Familie. Rechtzeitig vor der Schulpflicht sind sie ins Nachbarland ausgewandert, um ihren strahlenden Wunschkindern ein bedürfnisorientiertes Aufwachsen und Lernen zu ermöglichen. Schon langjährig vegan und ein Jahr roh, sind sie 2013 auf die Hippocrates-Ernährung gestoßen. Diese Form der sprossenbasierten und fruchtzuckerarmen veganen Rohkost wird seit Jahrzehnten erfolgreich am Hippocrates Health Institute in Florida praktiziert (zurückgehend auf Ann Wigmore und Brian Clement), es fehlte jedoch völlig an Informationen zur praktischen Umsetzung in Alltag und Familie. So haben Julia und Benedikt sich selbst einen umfassenden Wissensschatz erarbeitet, gänzlich neue Rezepte entwickelt und ihre Ergebnisse schließlich in ein Ebook gegossen.

Ich bedanke mich herzlich bei Benedikt Stamm für diesen tollen Gastartikel. Wenn Dir der Beitrag gefallen hat, dann teile ihn bitte!

Von Herzen 🙂

Astrid

© Sprossenfotos: Die roHmantische Familie

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